Prekäre Geschichten

Scheinselbstständigkeit hat viele Gesichter

Fotografin mafalda rakoš begleitet, interviewt und fotografiert seit Mai für uns Menschen, die in der Vergangenheit mit Scheinselbstständigkeit zu kämpfen hatten und ebenso Betroffene, die sich immer noch in prekärer Scheinselbstständigkeit ohne soziale Absicherung befinden.

Nur sehr wenige Betroffene haben die Möglichkeit und den Mut dazu ihr Gesicht zu zeigen, zu groß ist oft ihre Angst. An dieser Stelle möchten wir uns bei allen sehr herzlich bedanken die der Scheinselbstständigkeit ein Gesicht geben, die Problematik dadurch für andere greifbar machen und zeigen, dass Scheinselbstständigkeit sich quer durch alle Branchen zieht.

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Manuel K. 36 Jahre, Kunstvermittler

„Früher hat es in der Kunstvermittlung gar keine Anstellungen gegeben. Da hat man dann 10-15 Stunden pro Woche mit Werkverträgen an der Institution gearbeitet oder ist jeden Tag an- und wieder abgemeldet worden, so nach dem „Prinzip Bauarbeiter“. Zweiteres ist heute noch oft der Fall.

Für KunstvermittlerInnen sind die Arbeitszeiten oft flexibel, mal gibt es mehr, mal weniger zu tun. Diese Flexibilität hat auch Vorteile, schwierig ist nur, dass man pro Führung entlohnt wird, die Vorbereitungszeiten meist aber unentlohnt bleiben.

Was passiert aber, wenn man krank wird? Keine Leistung, kein Verdienst. Für meine Absicherung bin ich in diesem Fall selbst verantwortlich, außer ich bin irgendwo angestellt.

Der Werkvertrag war sozusagen das schlimmste Modell – das bedeutete eine schlechte Entlohnung und keine Absicherung, und der/die KunstvermittlerIn kann ja nicht unabhängig von seinem/ihrem Arbeitsplatz arbeiten.

Früher hat es gar keine Anstellungen gegeben, das war damals das große Ziel der KunstvermittlerInnen, hier Verbesserungen zu bewirken.“

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Suzana J. 26 Jahre, Persönliche Assistentin

„Nette KollegInnen, fixe Dienstzeiten, Bezahlung auch nicht schlecht: Der Job als Persönliche Assistentin hat mir damals gefallen. Weniger gefallen hat mir, dass ich vor Arbeitsantritt einen freien Dienstvertrag unterschreiben sollte.

Das sei so üblich, wurde mir gesagt, und auch die KollegInnen waren verwundert, warum ich da nachfragte. Bei einer normalen Anstellung würde mir doch so viel Geld abgezogen, ob ich das denn nicht wüsste?! Gerade frisch aus der SozialarbeiterInnen-Ausbildung kommend hatte ich die Sozialversicherungsabgaben sehr wohl im Kopf – aber eben auch die arbeitsrechtlichen Bedingungen.

Und so bestand ich auf einen „echten“ Dienstvertrag – mit der Sicherheit, Geld zu bekommen, falls ich – bei meinem Job unter anderem auch im Freien! – krank werden oder das Wetter es unmöglich machen sollte, zu arbeiten. Am Ende bekam ich mein anteiliges Urlaubs- und Weihnachtsgeld überwiesen, und im nächsten Jahr holte ich mir vom Finanzamt auch noch was zurück.“

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Gilbert B., 49 Jahre, TV Journalist

Gilbert B. hat jahrelang als „freier Mitarbeiter“ gearbeitet und war somit offiziell „selbstständig“ für TV-Produktionen tätig.

„Wir Medienmacher“ sind an den Zuständen ja teils selbst schuld. Jahrelang haben wir ein Mysterium rund um den Beruf des Journalisten und TV-Machers aufgebaut. Klarerweise wollen nun viele junge Menschen diesen vermeintlichen Traumberuf ergreifen.
Die Folge – ein großes Angebot an potentiellen Mitarbeitern – die sich um wenige Jobs raufen. Und nun weht ein sehr rauer Wind. Arbeitstage von 10, 12 Stunden sind keine Seltenheit, Wochenenddienste und Abendjobs so und so. Fragen nach gleicher Bezahlung, wie vergleichbar angestellte Mitarbeiter werden oft nur mit einem Lächeln beantwortet. Besonders tragisch – in der TV-Branche gilt man mit 35 schon als alt. Man hat zu funktionieren, hat zu folgen. Als selbstständiger Journalist habe ich in der Regel dieselben Tätigkeiten wie meine angestellten KollegInnen erledigt, war weisungsgebunden, hatte fixe Anwesenheitszeiten und durfte meine eigenen Betriebsmittel nicht verwenden. Wollte ich von zu Hause arbeiten, wurde das nicht gerne gesehen – denn man „hätte ja zu viele Arbeitsstunden verrechnen können“. Als Selbstständiger ist man Mitarbeiter zweiter Klasse. Vor allem wenn man in einem Betrieb arbeitet, wo es zu den angestellten Redakteuren keinen Unterschied, außer der sozialen Absicherung, gibt.  Und das Damoklesschwert des Austauschbaren schwebt immer bedrohlich über einem. Krankheit? – Es gibt Medikamente! Persönliche Gründe plötzlich nicht verfügbar zu sein? Hinunterschlucken! Gleichwertige Bezahlung? „Dort ist die Türe hinter denen 100 andere warten, die es um die Hälfte machen!“

Gilbert war jahrelang in einer vergleichbaren Situation gegen die er nun – stellvertretend für viele – antritt.

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 Andreas H. 50 Jahre, Architekt

Andreas H. hat jahrelang als „freier Mitarbeiter“ in einem großen Architekturbüro
gearbeitet, und war somit offiziell selbstständig für Projektabwicklungen tätig.

Theoretisch hätte er hierfür nach eigenem Ermessen, von zu Hause aus und mit eigenen Arbeitsmaterialien arbeiten sollen – in der Realität sah dies allerdings ganz anders aus.

„Du gehst zu deinem Arbeitgeber um 9 in der Früh und bleibst bis Mitternacht.“ – die Routinen im Architekturbüro waren klar strukturiert, es gab fixe Arbeitszeiten, Arbeitsplätze und Dienstanweisungen, die zu befolgen waren.

Als ich angefangen habe, sind da 30-40 Leute gesessen. Darunter waren zwei Angestellte: die Sekretärinnen. Der Rest: Freie. Ja, natürlich gab es auch Kontrollen, aber das wusste man schon vorher. Dann wurde der Stundenzähler abgebaut, und die Freien sind nicht zur Arbeit erschienen. Am nächsten Tag war dann alles wie vorher: 30 Tische, 30 Computer, alle besetzt. Wenn Architektur dich wirklich interessiert, dann willst du in ein großes, gutes Architektur-Büro. Der Konkurrenzdruck ist hoch, und viele Überstunden sind Alltag. Wenn ein Wettbewerb in der Endphase war, haben wir bis zu 370 Stunden im Monat gearbeitet – das war ganz normal.“

„Nur krank durftest du nicht werden.“ – Obwohl H. sich in einem realen
Angestelltenverhältnis befand, musste er selbst seine Beiträge in die Krankenkasse
einzahlen. Darüber hinaus wurde ihm weder eine Pensions- noch Arbeitslosenversicherung garantiert; auch Überstunden waren in seinem „Honorar“ bereits inbegriffen.

Andreas hat vor mehreren Jahren ein Architekturbüro mit einem Kollegen gegründet – mit dieser Tätigkeit ist er jetzt sehr zufrieden.