Weshalb es die watchlist-prekaer.at braucht

In den letzten Jahren stagniert die Zahl der unselbstständig Beschäftigten in Österreich. EPU (Ein-Personen-Unternehmen) und Neue Selbstständige, also Menschen die auf Werkvertragsbasis arbeiten, erleben hingegen einen rasanten Anstieg von rund 15.000 Neugründungen pro Jahr, was dem Schnitt der letzten 10 Jahre entspricht.

Von diesen geschätzt 300.000 Personen überlebt fast die Hälfte nicht einmal die ersten fünf Jahre ihres angeblichen UnternehmerInnen-Daseins, liegt ihr Medianeinkommen doch unter 9000 Euro brutto pro Jahr, das heißt ohne Abzug der Versicherungskosten und Steuer. Dies erhärtet unseren Verdacht, dass es sich bei diesen Menschen nicht nur um glückliche, selbstbestimmte UnternehmerInnen handelt. Wir fragen uns: Wie viel Freiheit, Glück und Selbstbestimmtheit sind mit 9000 Euro brutto pro Jahr möglich?

Lerne hier prekär Beschäftigte kennen wie Manuel K. (36), den Kunstvermittler, Gilbert B. (49), den TV-Journalisten, Suzana (26), die persönliche Assistentin und z.B. Andreas H. (50), den Architekten, um mehr über ihren Alltag zu erfahren.

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Wenn wir von Zwang in die Scheinselbstständigkeit reden, dann meinen wir damit zum Beispiel Menschen die oft über Jahrzehnte in einem Beruf im gleichen Betrieb angestellt waren und dann vor eine harte Wahl gestellt werden. Entweder sie arbeiten auf Basis eines Freien Dienstvertrages oder Werkvertrages weiter, ohne dass sich an ihrem Arbeitsalltag etwas ändert, oder sie werden gekündigt. Als „Argumente“ dienen dann Sätze wie ‚Es tut uns leid, wir würden Sie gerne als Mitarbeiter behalten, aber die derzeitige Auftragslage …‘.

Ein weiteres Beispiel sind junge Menschen die gerade ihren Berufseinstieg erleben und denen versprochen wird ‚Wir würden Ihnen gerne fürs Erste einen Freien Dienstvertrag anbieten. Wenn alles gut läuft können wir uns vorstellen, Sie in einem Jahr bei uns anzustellen …‘. Die dabei ausgeübten Tätigkeiten gehen von wissenschaftlicher Projektarbeit über Kreativberufe bis hin zur Personenbetreuung.

Es sind vor allem junge und ältere ArbeitnehmerInnen, die Probleme haben sich im angespannten Arbeitsmarkt zu halten oder einzusteigen. Das zeigt sich beim Blick auf das Alter der Freien DienstnehmerInnen und der sogenannten Ein-Personen-Unternehmen.

In einer Arbeitsmarktsituation mit der höchsten Arbeitslosigkeit seit dem Jahr 1953 stehen Menschen unter starkem Druck und werden dazu gedrängt unter fraglichen Bedingungen zu arbeiten. In der Drucksituation überhaupt ein Einkommen zu haben, wird die ‚freie Versicherungswahl‘, also der Weg in die ‚Selbstständigkeit‘ für viele zur letzten Möglichkeit.

Für die Betroffenen bedeutet das, dass sie mit weit weniger Geld auskommen müssen als ihre angestellten KollegInnen, auch Sonderzahlungen wie Urlaubs- und Weihnachtsgeld bleibt ihnen verwehrt. WerkvertragsnehmerInnen die sich bei der SVA selbstversichern müssen, erhalten erst ab dem 42.Tag Krankengeld in der Höhe von 29 Euro pro Tag. Sie haben fast nie eine freiwillige Arbeitslosenversicherung, weil sie sich diese in der Regel nicht leisten können. Das heißt, dass ihnen im Vergleich zu unselbstständig Beschäftigten auch die soziale Absicherung verwehrt bleibt.

Unsere Erfahrungen führen uns zu der Annahme, dass bis zu zwei Drittel der Freien Dienst- und WerkvertragsnehmerInnen keine echten UnternehmerInnen sondern Scheinselbstständige sind. Diese wollen wir dabei unterstützen ihre Rechte durchzusetzen und zu einer adäquaten sozialen Absicherung zu gelangen.

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